Das sträflich unterschätzte Land der Hoffnung

Ein neues Debakel in der langen Liste deutscher Niederlagen gegen die Briten: Mit dem Wahlsieg von Boris Johnson hat sich abermals gezeigt, wie wenig man in der Heimat der moralischen Selbstüberschätzung aus der Geschichte gelernt hat.

Das sträflich unterschätzte Land der Hoffnung

Ein neues Debakel in der langen Liste deutscher Niederlagen gegen die Briten: Mit dem Wahlsieg von Boris Johnson hat sich abermals gezeigt, wie wenig man in der Heimat der moralischen Selbstüberschätzung aus der Geschichte gelernt hat.

Sheffield, I suppose, could justly claim to be called the ugliest town in the Old World, sagte George Orwell in den 30er-Jahren über die britische Industriestadt, aber erstens kannte er das moderne Berlin nicht, und zweitens hatte auch Sheffield durchaus vorzeigbare, exquisite Gegenden: War Sheffield doch dank der Metallverarbeitung reich geworden, und die hier ansässigen Silberschmiede hatten auch entsprechend dekadente Verkaufsstellen. In der Earl Street etwa residierte Fenton Brothers Ltd. Und im Januar des Jahres 1902 kaufte dort jemand eine mittelgroße, schwere Silberkanne. Für, in etwa, den Lohn, den ein Facharbeiter damals in zwei Monaten nach Hause brachte, und zum Zwecke einer bald stattfindenden Hochzeit – das war noch die Zeit, in der Ehen als dauerhaft galten und entsprechend langfristig auch mit Geschenken abgesichert wurden.

Das war gleichzeitig auf dem Höhepunkt des britischen Empire. In Südafrika starben damals gerade Abertausende Buren in „Concentration Camps“, und Farmen wurden im Zuge der Taktik der verbrannten Erde vernichtet. Aber die Briten waren zusammen mit ihrer Presse weitgehend der Meinung, dass sie damit einem rückständigen Volk Zivilisation und Gerechtigkeit brachten. Heute ist man natürlich weiter, heute weiß man rückblickend, dass die Briten im Burenkrieg an der Grenze zum Massenmord agierten, und heute ist man auf der Insel auch nicht mehr wirklich stolz auf damalige Taten. Für die Vorstellungswelt von 1902 mit ihren begrenzten Einblicken und einer Presse, die das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht erkennen wollte und konnte, stellte sich das ganz anders dar, und man darf davon ausgehen, dass man bei der Hochzeit einfach froh war, die blutige Angelegenheit in der Kapkolonie beendet zu sehen. Am 2. Juni 1902 wurde die inoffizielle Nationalhymne „Land of Hope and Glory“ uraufgeführt, mit dem kolonialen Selbstbewusstsein dieser Zeilen: „Land of Hope and Glory, Mother of the Free, how shall we extol thee, who are born of thee? Wider still and wider shall thy bounds be set; God, who made thee mighty, make thee mightier yet“.

Man sieht es deutlich, auf der einen Seite die Freien, voll mit Hoffnung und Ruhm, auf der anderen Seite die Grenzen, die man in Richtung der weniger Freien gern zum eigenen Machtzuwachs verschieben möchte. Wer damals genug Geld hatte, zur Hochzeit von Freunden und Verwandten gravierte Silberkannen zu verschenken, war vermutlich auch auf einer Linie mit diesem selbstbewussten Zeitgeist. Dass ein Mann namens Jacob Richter im April dieses Jahres 1902 einen russischen Juden namens Lew Dawidowitsch Bronstein in London kennenlernte, spielte für niemanden eine Rolle. 1917 sollte Mr. Richter seinen falschen Namen abgelegt haben und als Wladimir Lenin mit Bronstein, der sich dann Trotzki nannte, in einer blutigen Revolution die Macht in Russland übernehmen und mit Gulags und rotem Terror das Land unterjochen. Und, betreffend das Vereinigte Königreich, damit das Großreich schaffen, das nach dem Zweiten Weltkrieg in aller Welt weitere Stellvertreterkriege und Aufstände in den Kolonien der Briten anzettelte. Wir Nachgeborenen können uns, mit Ausnahme des ein oder anderen rechten oder linken Abweichlers, darauf einigen, dass es ein Selbstbestimmungsrecht der Völker gibt und weder Rassen noch Ideologien berechtigt sind, andere zu ihrem vermeintlichen Glück zu zwingen. Wobei, 1902 waren Lenin und das Brautpaar sicher noch anderer Meinung, und Gretas jüngste Aussage, sie und ihre Bewegung würden Politiker an die Wand stellen, ist auch nicht wirklich durch die demokratische Grundordnung gedeckt.

Man könnte sich endlos über die Fehler des gierigen Kolonialreichs von 1902 aufregen. Gekrönt wurde damals Edward VII., ein europaweit berüchtigter Schwerenöter mit einer Reihe von Skandalen, die man heute mit #MeToo umschreiben würde. Auch sein sonstiger Lebensstil mit Kettenrauchen, Jagen und teilweise illegalem Glücksspiel könnte uns heute mächtig empören, wenn wir einen Moment außer Acht ließen, in welchem Umfange herrschende Sozialdemokraten in den Frankfurter AWO-Skandal verstrickt sind. Immerhin neigte Edward VII. dazu, Menschen gleichzubehandeln und auch mit jüdischen Freunden zu verkehren – eine, wie man beim Vergleich mit Organisationen wie BDS und Hamas sieht, sehr lobenswerte und auch heute nicht immer übliche Verhaltensweise. Und selbstredend sollte man über diese Zeit nicht sprechen, ohne die angemessene Abscheu über den beklagenswerten Umgang mit den Suffragetten zu äußern – jener bürgerlichen Damen, die in jenen Tagen mit allerlei heute als fragwürdig geltenden Methoden das Wahlrecht zu erreichen trachteten, das sie vermutlich genauso schnell auch ohne Waffen und Attentate bekommen hätten.

Abgesehen davon – hätten die Verheirateten gewusst, was die kommenden Jahrzehnte so bringen würden, wären sie vermutlich weniger sorgenfrei in eine Empire-Ehe gegangen. 1902 lebte man als Angehöriger der besseren Kreise noch relativ gut, aber dann kam der Great War, danach weitere militärische Verwicklungen in Afghanistan, Russland und Irland, eine brutale Wirtschaftskrise, der Wertverfall des britischen Pfundes und eine Reihe von Gesetzen gegen die Oberschicht, die das traditionelle Landleben weitgehend beendeten und die Schlösser dem Niedergang preisgaben. Danach kam ein weiterer Krieg, die Auflösung des Kolonialreichs, der Niedergang der britischen Wirtschaft, ganz besonders in Sheffield: Die Silberschmiede mussten schließen, aber die Kanne der Fenton Brothers glänzt noch immer. Alles, was um dieses reiche Zeitalter existierte, ist heute verloren, vorbei und verschwunden. Gekauft habe ich die Kanne am 11. August mitten im drohenden Brexit-Debakel, als deutsche Medien die Karriere von Boris Johnson schon wieder beendet sahen, zum Kurs von 1,07 Euro pro Pfund. Jetzt ist das Pfund wieder bei 1,20 Euro, und die Journalisten, die das Ende von Boris Johnson verkündet haben, müssen sich sehr verrenken, um dessen Erdrutschsieg mit dem Thema Brexit irgendwie klein- und schäbig zu reden. Was lernen wir daraus? Man muss oft gar nicht 117 Jahre warten, um Fehleinschätzungen zu erkennen, es reichen auch vier Monate.

Was mir bei der Sache besonders auffällt: Die koloniale Attitüde des „Wider still and wider shall thy bounds be set“ aus „Land of Hope and Glory“ grassiert momentan besonders in Brüssel und Berlin, wo man sich gerade weitere Problemkolonien auf dem Balkan ans hinkende Bein binden will – schon die Briten mussten aber die Erfahrung machen, dass es Gebiete gibt, die sich lohnen, und andere, von denen man besser die Finger gelassen hätte. Das hält die Deutschen nicht davon ab, heute über die Briten so zu schreiben, wie es die Briten über die Buren und ihren Drang zur Freiheit getan haben: In beiden Fällen herrschte der Irrglaube vor, tief in den anderen gäbe es zwar einen Willen, der großen Idee des Gemeinsamen zu huldigen – die Gegner seien halt etwas verführt und zurückgeblieben, aber das würde sich schon noch legen, wenn man nur Druck macht. Daher kam die in Deutschland begeistert aufgenommene Idee eines zweiten Referendums: Das Referendum hatten wir jetzt mit der Wahl. Und es ging ziemlich deutlich zugunsten der Eigenständigkeit vom EUmpire aus, das mit Frau von der Leyen und ihren teuren Umweltplänen möglicherweise auch noch etwas der Sache von Johnson geholfen hat.

Und nur weil wir heute Internet anstelle von Postreitern und Telegrafen haben, ist die Urteilskraft der Menschen auch nicht besser geworden: In der Hoffnung, den Brexit abzuwenden, hat eine Figur wie Jeremy Corbyn eine reichlich optimistische Einschätzung erhalten. Wenn Sie mich als neutralsten Journalisten der Welt fragen und mit Folterdrohungen zu einer ehrlichen Antwort nötigen würden, wäre mein Urteil extrem unvorteilhaft: Der Labourchef ist ein äußerst unerfreulicher Antisemit in ideologisch abseitiger Umgebung, und obendrein auch kein Freund der echten Working Class. Corbyn wird von „North London“ geliebt, dem Mitte/Kreuzberg/Hamburger Medienhafen des Vereinigten Königreichs, von Journalisten des „Guardian“ und von „Buzzfeed“, von den Vertretern der neomarxistischen Identitätspolitik. Corbyn ist der Marxist für die Augsteins und Clintons dieser Welt, der rote Hagestolz, von dem man sich Privilegien für die Oberen der Opferhierarchie verspricht. Deshalb haben sich auch Personen wie Ash Sarkar und Owen Jones hinter ihn gestellt, bei uns vergleichbar mit umstrittenen Politikern wie Sawsan Chebli und Kevin Kühnert. Aber das wäre nur meine von Ihnen unter Drohung abgepresste Meinung, andere haben ihn gefeiert, seine antisemitische Vergangenheit geduldet, und Sadiq Khan, den mehr so nur mittelerfolgreichen Bürgermeister von London, vor allem wegen der Antipathie von Donald Trump zum Helden gemacht.

Im Gegenzug wurde Johnson wie Trump sträflich unterschätzt. Seine immer etwas zerknitterte Erscheinung, seine Nichtfrisur, sein mitunter linkisches Auftreten und seine, vorsichtig gesagt, bewegte Vergangenheit als prinzipienfreier Journalist, Erotomane und Politiker haben ihn zu einer Zielscheibe des deutschen Hasses werden lassen. Offensichtlich, wie man sieht, unter Verkennung der realen Wünsche des Volkes und seiner Bereitschaft, ein paar exzentrische Aspekte für den darunter verborgenen, harten und zielstrebigen Gestaltungswillen in Kauf zu nehmen. Ich weiß nicht, wie viele Beiträge ich gelesen habe, denen zufolge Johnson jetzt aber wirklich am Ende ist. Ich weiß aber: Es waren Fehleinschätzungen.

Und sie kommen von exakt den Leuten, die mir sagen wollen, der Brexit wäre eine Katastrophe für die Briten. Sie kommen von Journaktivisten, die keine Pause zum Überdenken ihrer Haltung einlegen, sondern jetzt darauf hoffen, das Vereinigte Königreich würde zerbrechen, und die Schotten würden mit einem Referendum zur EU zurückkehren. Leute, deren Einkünfte nicht reichen, anderen bei der Hochzeit eine Silberkanne zu schenken, und denen jenseits verbaler Entgleisungen jede Qualität und Härte fehlt, ein Empire zu bauen, eine Coffee-to-go-Elite mit dem Benehmen der Unterschichten möchte mir darlegen, sie könnte das Kommende adäquat beurteilen: Bei „Spiegel Online“ wurden die Wähler mit Gänsen verglichen, die zu Weihnachten die falsche Entscheidung getroffen haben. Mich stößt die Leichtigkeit ab, mit der man sich in Deutschland an den Strukturkrisen der Briten ergötzt und dabei übersieht, dass die eigenen Großväter maßgeblich zum Niedergang des Imperiums beigetragen haben: Die britische Wirtschaft und die zerrütteten Staatsfinanzen litten noch lange unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs und trugen zu den Verwerfungen der Deindustrialisierung bei, aus denen in Deutschland der Glaube an die Überlegenheit unseres eigenen Systems erwächst. Früher musste man zur Kenntnis eines Landes noch die Geschichte studiert haben. Heute reicht es aus, ein YouTube-Video zu kennen, in dem Boris Johnson beim Rugby ein Kind über den Haufen rennt.

Das hat er gerade wieder mit den deutschen Erwartungen getan. Wie übrigens auch der als Clown verlachte Edward VII., der als Herrscher eine recht formidable Persönlichkeit wurde und eine Periode der Stabilität einleitete, die konsequent mit der Bigotterie des viktorianischen Zeitalters brach – das Paar, das im Januar 1902 die Silberkanne erhielt, hatte immerhin noch zwölf Jahre der damals besten aller möglichen Welten vor sich. Was ich an Eindrücken selbst aus London mitgenommen habe, war keine starke Anti-Brexit-Bewegung, sondern ein starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Qualitäten des Landes. Aus der historischen Erfahrung heraus nehme ich an, dass es nicht so grandios wird, wie es Nigel Farage behauptet, aber auch nicht so schlimm, wie die Achse „Guardian“–„Zeit“–„Spiegel“ das mit größter Überzeugung verbreitet. Eventuell wird man Kompromisse eingehen müssen, aber wie schon gesagt: Der Kurs des britischen Pfundes gegenüber den Brüsseler Peseten zeigt, dass viele in der Wirtschaft der Sicht des deutschen Kontinents nicht folgen, und ich durchaus recht hatte, jeden Monat danach eine weitere Silberkanne zu kaufen. Die letzte am Wahltag, und zwar noch im letzten Moment, bevor der Umrechnungskurs bei PayPal nach oben schnellte.

Ich habe, das gebe ich offen zu, von den Brexit-Verwerfungen profitiert, und ein Wahlsieg von Corbyn wäre die Garantie für einen weiteren Silberimport gewesen. Jetzt hat Johnson gewonnen. Sollte Geschichte 2020 so unkalkulierbar bleiben, wie sie schon 1902 war, kommt vielleicht irgendwann der Moment, da die Briten auf dem krisenerschütterten Kontinent das aufkaufen, was ihnen 2019 von Zynikern wie mir entrissen wurde. Dann steht vielleicht in der „Times“ ein Beitrag über den Niedergang bei uns und darüber, wie man den nutzen kann – und ich hoffe, dass der ein oder andere Autor dann auch gnädiger als das ist, was man bei uns in den letzten Jahren über die Briten gesagt hat, die jetzt dem eigenen Anspruch, das Land von Hope and Glory zu sein, einen deutlichen Nachdruck verliehen haben. Vielleicht mehr Hope als Glory. Aber das wird sich schon noch zeigen.


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