Fridays for Future - Die Greta-Macher

Kaum jemand glaubt ernsthaft, dass eine 16-Jährige aus Stockholm auf sich allein gestellt plötzlich Weltpolitik macht. Wer steht hinter Greta Thunberg – und warum? Eine Reise nach Schweden bringt Antworten.

Fridays for Future - Die Greta-Macher

Kaum jemand glaubt ernsthaft, dass eine 16-Jährige aus Stockholm auf sich allein gestellt plötzlich Weltpolitik macht. Wer steht hinter Greta Thunberg – und warum? Eine Reise nach Schweden bringt Antworten.

Der Wachmann Elias trippelt vor dem Stockholmer Reichstag von einem Fuß auf den anderen, um sich zu wärmen. Er blickt auf die Stelle, von der eine weltweite Bewegung ausging. Das Mädchen mit den Zöpfen saß dort, sie hielt ein handgeschriebenes Plakat: „Skolstrejk för klimatet“. „Sie war jeden Morgen pünktlich um acht hier und ging erst am Nachmittag, extrem diszipliniert“, erzählt Elias. „Sie saß einfach da und hat mit niemandem gesprochen.“

Er habe gesehen, wie nach und nach andere Jugendliche mit dem Mädchen dort saßen und für das Klima die Schule schwänzten. Kaum zu glauben, sagt er, all das ist gerade mal gut ein Jahr her.

Heute ist ihr Platz leer. Greta Thunberg ist längst nicht mehr in Stockholm, sie tourt durch die Welt, um dort noch mehr Menschen für den Kampf ums Klima zu gewinnen. Aus ihrem Streik ist eine globale Bewegung erwachsen, „Fridays for Future“, fast hätte sie den Nobelpreis bekommen.

So ging es los. Greta Thunberg vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm im 2018

Doch wie kam es, dass ein einzelnes Mädchen ein jahrzehntealtes Thema neu befeuern und Millionen mobilisieren konnte? Die Geschichte vom Mädchen, das im Alleingang Weltpolitik schreibt – klingt sie nicht zu schön, um ganz wahr zu sein?

Die Suche nach einer Antwort beginnt im ruhigen Stockholmer Viertel Kungsholmen. Es liegt auf einer der Inseln, die zusammen diese Stadt bilden, eine Brücke trennt es von der lauten Innenstadt. Hier wohnt die gehobene Mittelschicht in gepflegten Mehrfamilienhäusern. In einem davon, nahe am Kanal, lebt Greta Thunbergs Familie. Vom Fenster aus kann sie sehen, wie wohlhabende Stockholmer mit ihren Schnellbooten zur Arbeit pendeln.

Familie Thunberg: Greta mit Mutter Malena Ernman (r.) und Vater Svante

Ihr Vater Svante ist Musikproduzent, ihre Mutter Malena Ernman Opernsängerin – in Schweden eine Prominente, die ihr Land vor zehn Jahren beim Eurovision Song Contest vertrat. Sie seien nicht superreich, aber finanziell gut abgesichert, beschreibt sich die Familie in ihrem Buch „Szenen aus dem Herzen“. So dokumentiert es auch die öffentliche Datenbank der schwedischen Steuerbehörde: Svante Thunbergs Produktionsfirma Ernman Produktion AB erzielte 2018 einen Umsatz von umgerechnet 363.000 Euro.

Wichtiger als Geld ist: Die Thunberg-Ernmans sind gut vernetzt, sie kennen viele Prominente im Land, Politiker, Wissenschaftler. Das kam so, erklärte die Mutter im Buch: Jahrelang sei sie um die Welt geflogen, um Auftritte zu absolvieren – und irgendwann habe sie die Sinnlosigkeit all dieser Flugreisen erkannt und nicht mehr mitgemacht. Sie habe begonnen, zum Klima zu recherchieren, habe Wissenschaftler kontaktiert.

Einer, mit dem sie sich anfreundete, der Meteorologe Pär Holmgren, erzählt heute: „Ich habe mich damals häufiger mit Malena und ihrem Mann ausgetauscht, und ich habe sie mit anderen Klimaforschern in Kontakt gebracht.“

Die Geschichte vom Mädchen, das sich spontan vor den Reichstag setzt und losdemonstriert, stimmt so also nicht. Das Netz zwischen der Familie und den Klimaforschern war längst gewoben, als Greta Thunberg ihren Klimastreik begann. Der Klimawandel war ein präsentes Thema in ihrer Familie, und sie griff es auf: Im Mai 2018 nahm sie an einem Schreibwettbewerb der Zeitung „Svenska Dagbladet“ teil, sie schrieb über den Wahnsinn des Klimawandels – und gewann. Ihr Text wurde gedruckt, und zufällig las ihn der Klimaaktivist Bo Thorén, einer der Köpfe der Bewegung „Extinction Rebellion“.

Er kontaktierte Thunberg: Ob sie und andere Jugendliche nicht fürs Klima streiken wollten – auf den Schulhöfen etwa? Das Vorbild stammte aus Florida, wo gerade Schüler gegen die US-Waffengesetze auf die Straße gingen.

Startup-Unternehmer Rentzhog: maßgeblicher Greta-Macher

Thorén ist ein verschwiegener Mann. Man erreicht ihn zwar per Handy, doch er lehnt es ab, sich in Stockholm zu treffen. Er sagt, Greta Thunberg habe doch alles selbst in sozialen Netzwerken erklärt. Er hat recht: In diesem Februar schrieb sie in einem langen Facebook-Eintrag, dass Thorén die Streik-Idee hatte. Weil keiner ihrer Freunde mitmachen wollte, sei sie allein losgezogen.

Das Timing war gut. Am ersten Streiktag, dem 20. August 2018, klang gerade eine schwere Hitzewelle aus. Schwedens Wiesen waren ausgedörrt, Wälder brannten bis wenige Kilometer vor Stockholm. Und die Parlamentswahlen standen kurz bevor. Kurz vor Greta Thunbergs erstem Streiktag informierte Thorén seinen Verteiler aus Klimaaktivisten per Rundmail darüber.

Diese E-Mail las Ingmar Rentzhog, früher Finanzmanager, dann gründete er das Start-up „We Don’t Have Time“: ein soziales Netzwerk für Klimaaktivisten, um Klimaproteste zu organisieren. Rentzhog hat eine Mission, und sie funktioniert, weil ihm und seiner Firma im Internet sehr viele Menschen folgen.

Der Firmengründer empfängt in seinem Büro an einem belebten Platz in Stockholm, es liegt in einem Coworking-Space. Er erzählt, sein Kollege sei der Erste gewesen, der Thunberg fotografiert habe, das sei an ihrem ersten Streiktag gewesen. „Ich habe ihr Foto bei Facebook hochgeladen. Dann ging es sehr schnell viral.“ Bei ihrem Anblick habe er eines gewusst, sagt er: dass von genau diesem Bild, dem einsamen Mädchen mit den Zöpfen und dem selbst gemalten Schild, eine enorme Strahlkraft ausgehe. „Das hatte etwas Ikonisches.“

Nachdem er zu ihrem Aufstieg beigetragen hatte, musste Rentzhog Kritik über sich ergehen lassen, vor allem von Nachrichtenportalen, die sich als Alternative zu Mainstream-Medien sehen. Sie warfen ihm vor, sie bekannt gemacht zu haben, um an ihr Geld zu verdienen.

Denn Ende 2018 ließ „We Don’t Have Time“ Thunbergs Gesicht in einer Broschüre drucken, mit der die Firma um Investoren warb. Rentzhog sagt dazu, seine Firma habe sich nicht an Greta Thunberg bereichert. „Vor allem aber: Sie und ihre Familie haben kein Geld von unserer Firma angenommen.“

Auch andere Gerüchte tauchten in alternativen Medien auf. Sie drehten sich darum, dass es doch irgendwen geben müsse, der Geld an Thunberg verdient. Es wird behauptet, die Produktionsfirma ihres Vaters habe seither ihre Umsätze vervielfacht. In der öffentlichen Unternehmensdatenbank ist nachzulesen, dass das nicht stimmt. Seit 2010 sind deren Umsätze im Schnitt konstant.

Ein anderes Gerücht besagt, Thunbergs Familie habe es durch das Buch „Szenen aus dem Herzen“, das ein weltweiter Bestseller sei, zu großem Reichtum gebracht – und es sei sicher kein Zufall, dass ihr Streik in etwa mit dem Erscheinungstermin zusammengefallen sei.

Greta Thunberg während ihrer USA-Reise. Das Bild wurde mithilfe einer alten Fototechnik aufgenommen und entwickelt.

Eine Nachfrage beim schwedischen Verleger, der das Buch herausbringt, Jonas Axelsson vom Polaris-Verlag, ergibt, dass die Familie die Bucheinnahmen nicht behalte, sondern zurzeit dabei sei, eine Stiftung zu gründen, die das Geld an wohltätige Zwecke spenden werde. Bisher, sagt Axelsson, habe sich das Buch weltweit 60.000-mal verkauft. Ein hübscher Erfolg, auch finanziell, aber keiner, der Reichtum schafft.

Das Foto, das Rentzhogs Kollege schoss, verbreitete sich rasant in Schweden, am nächsten Tag berichteten Zeitungen. Wäre das auch passiert, wenn Greta Thunberg nicht die Tochter einer Berühmtheit wäre? Wer weiß, wie Medien, auch soziale, funktionieren, ahnt, dass so eine Kombination das Publikum anzieht: Die Tochter eines Stars, bekanntermaßen mit mentaler Auffälligkeit, verbreitet eine zu Herzen gehende Mission.

Als sie erste Interviews gab, begann ihr Asperger-Syndrom eine Rolle zu spielen. So erzählt es jene Zeitungsreporterin, die sie bisher am häufigsten interviewte, Karin Sörbring von der Zeitung „Expressen“. „Man kann Greta mögen oder nicht“, sagt sie, „Fakt ist: Sie spricht durch dieses Syndrom unwahrscheinlich fokussiert. Sie wiederholt einfach immer wieder ihre Kernbotschaft: Politiker, haltet euch ans Klimaschutzabkommen von Paris.“

Thunbergs Wirkmacht, sagt Sörbring, liege auch darin, dass sie sich bis heute äußerlich keinen Millimeter wegbewegt habe von der Person, die sie war, als sie das erste Mal vor dem schwedischen Reichstag saß. Sie schminkt sich nicht, trägt so gut wie immer Jeans und Pulli. Nur für Titelbilder, etwa vom „Time“-Magazin, ist sie mal im glamourösen Kleid zu sehen.

"Sie wiederholt einfach immer wieder ihre Kernbotschaft", sagt Karin Sörbring von der Zeitung "Expressen" in Stockholm

Auch an Thunbergs internationalem Durchbruch hatte ein Klimaaktivist maßgeblichen Anteil. Bis zum Herbst 2018 waren außerhalb Schwedens vor allem Jugendliche, die sich zur Bewegung „Fridays for Future“ formierten, über soziale Netzwerke auf sie aufmerksam geworden. Kurz bevor im Dezember im polnischen Kattowitz die UN-Klimakonferenz tagte, erzählt Rentzhog, sei zufällig ein bekannter Mann aus der Szene in Stockholm gewesen: Stuart Scott, ein Amerikaner in seinen siebzigern, der sich in der International Society for Ecological Economics engagiert, einem einflussreichen Bund von Wissenschaftlern und Aktivisten. Scott sagt von sich selbst, er sei bei der UN „ziemlich gut vernetzt“.

Man erreicht ihn am besten per Videoanruf. Scott ist schwer erkrankt, er reist kaum noch, das Erzählen strengt ihn merklich an. Damals in Stockholm, erzählt er, habe Rentzhog ihm Thunbergs Vater vorgestellt. „Ich war gleich völlig eingenommen von der Überzeugung, die dieser Mann ausgestrahlt hat.“

Also habe er für ihn und die Tochter zwei Pässe für die UN-Konferenz organisiert. Dort, sagt Scott, habe er eine Pressekonferenz für Thunberg organisiert. Sie habe dann noch bei weiteren Veranstaltungen gesprochen. „Das hat eine Eigendynamik entwickelt.“ Schnell sei UN-Generalsekretär António Guterres auf sie aufmerksam geworden.

„Sie war total begehrt, hatte lauter Auftritte“, sagt Scott, „am Ende hat Guterres sogar noch dafür gesorgt, dass sie bei der Abschlusskundgebung drei Minuten vor der Generalversammlung sprechen konnte. Das bedeutete den endgültigen Durchbruch für Greta.“

Zur Greta-Thunberg-Geschichte gehört also auch dies: Ihren Aufstieg hätte es so wohl nicht gegeben, wären nicht erwachsene Aktivisten im Spiel gewesen, die ihr Potenzial sahen – um den Klimaschutz voranzutreiben.


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