Frau vor Zug gestoßen - „Ihm kam es darauf an, einen Menschen sterben zu sehen“

Vor Gericht schildern Zeugen, zum Teil unter Tränen, wie ein Mann eine 34-Jährige vor einen Zug gestoßen haben soll. Es tue ihm leid, dass die Frau tot sei, äußert der Angeklagte – aber erinnern könne er sich nicht.

Frau vor Zug gestoßen
- „Ihm kam es darauf an, einen Menschen sterben zu sehen“

Vor Gericht schildern Zeugen, zum Teil unter Tränen, wie ein Mann eine 34-Jährige vor einen Zug gestoßen haben soll. Es tue ihm leid, dass die Frau tot sei, äußert der Angeklagte – aber erinnern könne er sich nicht.

Die Verteidigerin möchte vom Zeugen wissen, wie der Angeklagte den tödlichen Stoß am Bahnsteig ausgeführt haben soll. „Soll ich das wirklich machen?“, fragt der Zeuge. Die Anwältin ermuntert ihn, alles so realistisch wie möglich nachzuahmen. Sie steht am Donnerstagvormittag in Saal 201 des Landgerichts Duisburg, direkt vor dem großen hölzernen Richtertisch.

Staatsanwalt und Gutachter haben sich etwa drei Meter entfernt aufgestellt, um sie aufzufangen. Der Zeuge geht kurz in die Knie, winkelt beide Arme etwas an, schnellt nach vorn, streckt die Arme und stößt die Anwältin mit voller Wucht gegen den Rücken. Ihr Kopf nickt nach hinten, und sie fliegt mit einem kurzen, überraschten Schrei nach vorn, in die Arme des Staatsanwalts.

Der Angeklagte Jackson B. schaut sich den nachgestellten Stoß ungerührt an. Der 28-jährige Serbe, gebürtig aus Lemgo, soll auf diese Weise eine 34-Jährige am Morgen des 20. Juli 2019 vor einen einfahrenden Zug am Bahnhof im nordrhein-westfälischen Voerde gestoßen haben.

Die Tat hatte bundesweite Bestürzung ausgelöst, auch weil das Opfer willkürlich ausgewählt worden war, in keinem Bezug zu B. stand. Nur Tage später stieß ein Mann einen Achtjährigen vor einen ICE im Frankfurter Hauptbahnhof. Die Fälle lösten Diskussionen über zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen an Bahnsteigen aus.

Der Prozessauftakt in Duisburg zeigt, dass das Opfer keine Chance hatte. Ein Freund der Frau kämpft im Zeugenstand mit den Tränen. Er sei an jenem Morgen mit der 34-Jährigen zusammen unterwegs gewesen. Sie hätten auf ihren Smartphones den Fahrplan nachgeschaut, weil sie in Oberhausen umsteigen mussten, als der Zug eingefahren sei. Er habe sich von ihr abgewandt und sei näher an den einfahrenden Zug herangegangen, als er am Bahnsteig Geschrei gehört habe.

„Ich hörte nur: ‚Er hat die Frau geschubst, er hat die Frau geschubst‘“, erzählt der 31-Jährige im Gerichtssaal und wischt sich Tränen aus den Augen. „Ich habe es erst gar nicht verstanden. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich realisiert habe, dass sie das ist.“

Eine Rechtsmedizinerin, die den Leichnam obduziert hat, erzählt dem Gericht von den grauenvollen Verletzungen. „Sie ist im Flug mit dem Zug kollidiert“, sagt die Medizinerin. Das Opfer sei einen „Sekundentod“ gestorben.

Mehrere Zeugen schildern am ersten Verhandlungstag, wie sie jenen Morgen am Bahnsteig erlebt haben. Ein irakischer Familienvater befand sich mit Ehefrau und Kindern am Bahnsteig und erzählt dem Gericht mithilfe einer Dolmetscherin, dass sich der Angeklagte damals auffällig benommen habe. B. habe ihn angesprochen und gesagt, dass seine Kinder süß seien, dass der Sohn ihn an seinen eigenen Sohn erinnere. Der Familienvater sei mit dem Sohn zum Ticketautomaten gegangen, B. sei hinterhergekommen, den Metallstiel eines Schraubendrehers in der Hand. Der Vater, so schildert er es, fühlte sich bedroht und entwaffnete ihn im Handgemenge. Er warnte B., dass er sich verteidigen werde.

B. sei dann den Bahnsteig weiter entlanggegangen, in die Nähe einer jungen Frau, seines Opfers. Als der Zug gegen 8.45 Uhr einfuhr, habe B. sie gestoßen, erinnert sich der Familienvater. Er und ein weiterer Mann überwältigten B. und hielten ihn fest, bis die Polizei kam.

Der Bahnhof in Voerde kurz nach der Tat

Der Vorsitzende Richter Joachim Schwartz hakt wegen einer Geste nach: B. soll, als er überwältigt wurde, den Zeigefinger hochgestreckt haben. Er kenne dies vom islamistischen Attentäter Anis Amri, sagt der Richter. Die Geste gilt als Erkennungszeichen von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat. Der Zeuge sagt, er selbst sei Kurde und würde so ein Zeichen nicht machen. Am ersten Verhandlungstag blieb zunächst unklar, ob die Tat einen islamistischen Bezug hat.

Die Ermittler sahen offenbar keine Hinweise dafür, jedenfalls ist in der Anklageschrift des Staatsanwalts keine Rede davon. B. habe „heimtückisch“ und „aus Mordlust“ gehandelt. „Ihm kam es darauf an, einen Menschen sterben zu sehen“, sagt der Ankläger. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft verübte B. die Tat im Zustand erheblicher verminderter Schuldfähigkeit, er soll an einer psychischen Erkrankung leiden. Es sei nicht auszuschließen, dass er vollkommen schuldunfähig ist. Dies würde eine Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie bedeuten, falls das Gericht dieser Sichtweise folgt.

„Ich weiß aber, dass ich eine Frau nicht absichtlich schubsen würde“

Der Angeklagte schweigt am ersten Prozesstag. Seine Anwältin kündigt aber an, er werde zu einem späteren Zeitpunkt Fragen beantworten, und verliest in seinem Namen eine Erklärung. An jenem Morgen wollte B. demnach in seine Wohnung nach Hamminkeln. Ihm sei es nicht gut gegangen. Er sei von seinem Bruder gekommen, mit dem er am Abend den Geburtstag einer Nichte gefeiert habe. Die Formulierungen lassen sich so verstehen, dass er die Tat nicht bestreitet, sich aber auch nicht an den Moment erinnere.

Er habe „nicht wahrgenommen“, dass „die Frau in die Gleise vor den einfahrenden Zug gefallen ist“. Er habe „nicht gesehen, dass da die Frau im Gleis war“. Er erinnere sich daran, dass zwei Männer auf ihn eingeschlagen hätten. „Ich wusste nicht, warum die das tun.“ Er glaube nicht, dass er die Frau „berührt oder angestoßen“ habe; er könne sich nur vorstellen, dass er sich abgestützt habe, weil sich „sein Kopf gedreht“ habe, ihm also schwindelig gewesen sei. „Ich weiß aber, dass ich eine Frau nicht absichtlich schubsen würde“, heißt es. Wenn dies so gewesen sei, dann habe er das „nicht extra gemacht“. Ihm tue es leid, dass die Frau tot sei.

Einem psychiatrischen Gutachter zufolge hat er in mehreren Gesprächen von seinem Leben erzählt. Einiges ist widersprüchlich. Es geht immer wieder um Drogen und Streitereien mit anderen Personen, auch mit seiner Frau, die einmal vor ihm geflohen sein soll. Er habe auch Angst vor einer Blutrache gehabt, die eine verfeindete Familie angedroht habe. Er soll sich sogar in einem Zeugenschutzprogramm befunden haben. Es ist unklar, was stimmt. Der Gutachter wird sein psychiatrisches Gutachten zum späteren Zeitpunkt vorstellen. B. schilderte auch, dass er sich verändert habe. Irgendwann habe er festgestellt: „Ich war nicht mehr der, der ich war.“


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