Zentrum für Politische Schönheit - Hybris kommt vor Holocaust

Das Zentrum für Politische Schönheit ist dafür bekannt, dass es die Zuschauer seiner Inszenierungen zu Akteuren macht. Jetzt setzen sich Betroffene zum ersten Mal zur Wehr. Hat das Zentrum mit der Instrumentalisierung von Holocaust-Opfern eine Grenze überschritten?

Zentrum für Politische Schönheit - Hybris kommt vor Holocaust

Das Zentrum für Politische Schönheit ist dafür bekannt, dass es die Zuschauer seiner Inszenierungen zu Akteuren macht. Jetzt setzen sich Betroffene zum ersten Mal zur Wehr. Hat das Zentrum mit der Instrumentalisierung von Holocaust-Opfern eine Grenze überschritten?

Das Zentrum für politische Schönheit ist ein zuverlässiger Kunstproduzent paradoxer Ereignisse. Erfolgreich war die Aktion, als es unter dem Logo des Familienministeriums die „Kindertransporthilfe des Bundes“ ins Leben rief. Tausende Kinder sollten aus dem Bürgerkrieg in Syrien gerettet werden, wenn sich genügend Paten in Deutschland finden würden. In kurzer Zeit wurde das Ministerium von einer Anfrageflut von Hilfswilligen überschwemmt. Allein, dort wusste niemand von einer solchen Aktion, und so musste die damalige Ministerin in die Öffentlichkeit treten, um klar zu stellen, dass es keine Kindertransporthilfe gibt.

In dieser Aktion sind alle Zutaten vorhanden, mit denen seither das Zentrum immer neue Aufgüsse versucht. Die Mittel sind eine gefakte Realität, eine Inszenierung des öffentlichen Raumes – und vor allem eine Handlungsprovokation, bei der die Zuschauer zu Akteuren werden. In diesem Fall waren es die vielen hilfsbereiten Mitbürger, die durch ihre Anfrage die Ministerin zu ihrer Aussage gezwungen haben. Die Methode besteht also darin, die Öffentlichkeit so in Erregung zu versetzen, dass dadurch latente Bruchlinien und Widersprüche hervortreten. Menschen wollen helfen, die Ministerin will das nicht.

Warnung vor einem neuen Faschismus

Das Verfahren ist keine Erfindung des Zentrums, sondern als Cultural Hacking bereits von Christoph Schlingensief in Deutschland und den Yes Men in den USA Anfang des Jahrtausends sehr erfolgreich praktiziert worden. Legendär war der Auftritt der Yes Man, die sich als Vertreter des Chemiekonzerns Dow Chemical verkleidet hatten, um eine gefälschte Pressekonferenz zu machen. Zum Jahrestag der Umweltkatastrophe in Bhopal, für dessen Folgen Dow Chemical bis heute die Verantwortung verweigert, traten sie als Vertreter des Konzerns auf und behaupteten glaubwürdig, dass das Unternehmen nun seine Schuld einsieht und die Opfer entschädigen will. Augenblicklich brach der Aktienkurs ein, und das Unternehmen musste hektisch mitteilen, dass es natürlich nicht daran denkt, die Opfer zu entschädigen. Nach dem Kursrutsch war der Imageschaden entsprechend groß.

Nun hat das Zentrum für politische Schönheit ein neues Werk präsentiert, das im gleichen Genre agiert, aber völlig daneben ging. Vor dem Reichstag hat es ein Mahnmal errichtet, in dem die Asche verbrannter Juden ausgestellt wird. Die erfundene Gedenkstätte wird von zahlreichen weiteren Täuschungen gerahmt. So werden zum Beispiel in einem gefälschten Brief des Bundestagspräsidenten die Bundestagsabgeordneten angewiesen, das Mahnmal zu besuchen. Gemahnt werden soll an die Naziverbrechen, und gewarnt werden soll vor einem erneuten Faschismus.

Störung der Totenruhe

Die öffentliche Aufmerksamkeit war wieder groß, doch diesmal lief das Spiel mit der Empörung in eine für das Zentrum überraschende Richtung. Die Pointe der bisherigen gelungenen Aktionen bestand darin, dass sich durch die Intervention des Zentrums verschiedene Teile der Öffentlichkeit so miteinander verhakten, dass sie etwas über sich selbst dabei erfahren konnten. Bei der aktuellen Aktion fand das nicht einmal im Ansatz statt, da die sehr viel größere Erregung das Zentrum selbst traf.

Die Empörung jüdischer Verbände entzündetet sich an der Störung der heiligen Totenruhe und ihrer Instrumentalisierung in einem Kunstwerk. Der Druck wuchs innerhalb kurzer Zeit so stark an, dass das Zentrum sich zu einer vorzeitigen Richtigstellung veranlasst fühlte. Es musste die Luft aus seinem Erregungsballon lassen, lange bevor der vom Boden abgehoben hatte. Seine Mitteilung ist so ernüchternd wie erwartbar: Die Asche ist nur ein Fake. Es gibt also keinen Grund zur Aufregung. In einer nachgeschobenen Entschuldigung wurde dann beklagt, dass die eigene gute Intention leider gar nicht verstanden worden sei und sich stattdessen diejenigen, mit denen sich das Zentrum doch verbunden meint, angegriffen fühlen.

Moralischer Ausnahmezustand

Man müsste also nicht länger über diese verunglückte künstlerische Aktion nachdenken, wenn nicht dadurch etwas ganz anderes ans Licht gekommen wäre. Die Arbeitsweise des Zentrums für politische Schönheit ist hier an der eigenen Methode gescheitert. Die Kraft seiner Aktionen speiste sich bisher aus der behaupteten moralischen Überlegenheit. Wer auf das Leid der Kinder in Syrien aufmerksam machen will, der darf nicht nur ein Fake-Ministerium erfinden, der ist sogar moralisch dazu verpflichtet.

Aufgrund der strengen moralischen Ausrichtung ist das Zentrum bei der Themenauswahl seit jeher eingeschränkt. Sein Weltbild teilt die Menschen in Gute und Böse einteilt. Mittelwerte, wie sie im Alltag normaler Menschen vorkommen, sind beim Zentrum nicht vorgesehen. In den vergangenen Jahren konnte es mit dieser Schwarz-Weiß-Sicht sein Empörungsfeuer an der Migrationsfrage entzünden: Wer für offene Grenzen ist, ist gut. Wer auch nur den Hauch einer Frage dazu hat, ist böse.

Radikale Selbstgewissheit

Seit den letzten Aktionen wird dieses Thema durch die Gefahr eines neuen Faschismus verdrängt. Hier ist die Ausgangsthese, dass wir uns in der Bundesrepublik in einer vergleichbaren Situation wie Anfang der 1930er Jahre befinden. Hitler ist noch nicht an der Macht, aber wir stehen ganz kurz davor. Aus diesem historischen Vergleich leitet das Zentrum den permanenten moralischen Ausnahmezustand ab. Dass dieser Vergleich nicht nur hinkt, sondern schlicht falsch ist, stört sie dabei nicht, da sie aus der Übertreibung die Energie für ihre Kunst beziehen.

Die radikale Selbstgewissheit lässt grundlegende historische Unterschiede zu lästigen Details verschwimmen. Es spielt keine Rolle, dass es heute keine sechs Millionen Arbeitslosen in Deutschland gibt und auch keine weltweite Wirtschaftskrise herrscht, und es spielt für das Zentrum auch keine Rolle, dass in Europa nicht Millionen von kriegstraumatisierten Männern leben, die wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg orientierungslos und wütend sind, und es spielt auch keine Rolle, dass im Unterschied zur BRD die Weimarer Republik eine schwache Demokratie war, die von allen Seiten angegriffen wurde.

Es ist eine Minute vor zwölf

Die Panikrede des Zentrums lautet, es ist eine Minute vor Zwölf, und darum ist jedes Mittel erlaubt, um die Gefahr abzuwehren. Wer in der AfD der neue Hitler sein soll, der morgen zum Bundeskanzler gewählt wird, ist nebensächlich, da jeder Wähler und sogar jeder, der nicht vehement gegen die AfD kämpft, mindestens so schlimm wie Hitler ist. Schaut man so auf die Welt, fühlt man sich zwangsläufig wie die mutigen Helden der Weißen Rose. Und um eben dieses edle Gefühl, der letzte Widerstand in einer Welt voller Nazis zu sein, scheint es dem Zentrum auch vorrangig zu gehen.

Psychologisch ist das Phänomen der nachholenden Wiedergutmachung bekannt. Der Ehemann, der den Hochzeitstag vergessen hat, versucht mit einem überteuerten Geschenk, das Versäumte wieder gut zumachen. Ein kleiner Blumenstrauß zum richtigen Zeitpunkt wäre günstiger und für die Beziehung bekömmlicher gewesen. Das Zentrum sieht sich in der Pflicht, den Widerstand, der vor 1945 nicht möglich war, heute in seltsam realitätsferner Aufregung nachzuholen. Das ist verständlich, kann aber zu allseitigen Verletzungen führen. So wie die Ehefrau den Ablasshandel als beleidigende Ablenkung empfinden kann, kann eine Öffentlichkeit durch die inzwischen gratismutigen Posen des Widerstandskämpfers von den eigentlichen Problemen seiner Gegenwart abgelenkt werden. Wer jeden AfD-Wähler zu Hitlers willigem Helfer erklärt, der verliert jeden Maßstab, um die Welt noch ändern zu können. Wer vergisst, dass Geschichte sich niemals identisch wiederholt, und wer die Gegenwart nur im Kostüm der Vergangenheit begreift, der begreift die Gegenwart dadurch gerade nicht.

Die Blindheit des Hochmuts

Nun könnte man anmerken, dass aus einer so falschen Prämisse nie etwas Richtiges entstehen kann – und dass darum die Aktionen prinzipiell zum Scheitern verurteilt sind. Doch das wäre mir als Einwand gegenüber einer künstlerischen Praxis zu mechanisch gedacht. Eine verschobene Realitätswahrnehmung kann in der Kunst zu einem wahren Bild der Realität führen. An dieser verunglückten Aktion ist darum auch etwas anderes interessant. Die Opfer des Faschismus, die ermordeten Juden und die traumatisierten Überlebenden, machen die reale Gegenwart des historischen Faschismus aus. Der Fehler des Zentrums besteht darin, seinen falschen historischen Vergleich auf dem Rücken der realen Überlebenden austragen zu wollen. Für seine neue Aktion hat es sie vor seinen Karren spannen wollen, und diese falsche Vereinnahmung wurde mit aller Berechtigung zurückgewiesen.

Schaut man nüchtern auf den Vorgang, so ist es absolut rätselhaft, wie ein deutsches Künstlerkollektiv auf die Idee kommen kann, den Überlebenden des Holocaust zeigen zu wollen, welche schönen Wirkungen sich doch aus der Asche ihrer ermordeten Verwandten pressen lassen. Der Begleittext zur Aktion stellte dazu die steile These auf, dass mit dieser Aktion erstmalig die Toten der „Lieblosigkeit“ entrissen würden. Um die realitätsferne Hybris dieser Aussage zu begreifen, muss man wissen, dass das Zentrum sein wenig geschmackssicheres Mahnmal in Sichtweite zum Holocaustmahnmal errichtet hat. Ein einziger Augenaufschlag hätte also genügt, um das eigene Tun aus der Blindheit des Hochmuts zu befreien.

Scheitern als Chance

Dieser Hochmut, der sich aus der moralischen Überlegenheit speist, hat beim Zentrum in den vergangene Jahren nicht nur zu falschen historischen Vergleichen geführt und damit die Wahrnehmung der Gegenwart verunklart, statt sie zu klären. Dieser Hochmut hat nun die Erfahrung gemacht, dass es reale Opfer gibt, die nicht darauf gewartet haben, dass ambitionierte Künstler aus ihrem Leid Aktionen machen, mit denen sie dann Aufsehen erregen und berühmt werden wollen. Die Methode des Zentrums hat so einen Meister in der realen Historie gefunden, der die alte Lehre erteilt, dass Hochmut nicht grundlos mit Blindheit assoziiert wird.

Die gelungenen Aktionen des Cultural Hackings können die Widersprüche der Gesellschaft in ein Gespräch mit sich selbst bringen. Wenn aber die moralische Überheblichkeit der Künstler zur wesentlichen Konfliktlinie wird, dann tritt nicht mehr die Gesellschaft sich selbst entgegen, sondern das Künstlerkollektiv wird in seiner Verblendung zum Gegenstand der Anschauung. Dass das bei dieser Aktion passiert ist, ist enttäuschend. Doch bekanntlich führt der Ausweg aus der eigenen Blindheit über die Ent-Täuschung. Insofern ist die Aktion misslungen in dem, was sie wollte, und dennoch wichtig in dem, was sie stattdessen gezeigt hat.

Das Zentrum hat der Gesellschaft zu manch einer Erregung verholfen und dabei immer gehofft, dass daraus etwas gelernt werden könnte. Nun ist es selbst zum Zentrum seiner Aktion geworden , und ich hege die Hoffnung, dass es dadurch aus dem Gefängnis seiner hochmütigen Blindheit herausfindet. Denn warum sollte die Kraft der Selbsterkenntnis nur für die Zuschauer gelten und nicht auch für die Künstler selbst?


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